Montag, 3. Januar 2011

Die Freude an Bahnreisen - oder: Heiligt der Zweck die Mittel?


Foto: Sturm, Bildquelle: Pixelio
Als Berufspendler, der auf einen zuverlässigen und pünktlichen Zugverkehr angewiesen ist, möchte ich an dieser Stelle danken für unvergessliche Erlebnisse, die mir und tausenden weiteren Bahnfahrern im Raum Magdeburg im Zuge des Castor-Transports durch den unermüdlichen Einsatz selbsternannter Weltenretter als vorweihnachtliches Geschenk verabreicht werden.

Das Drama in mehreren Akten begann am 16.12.2010 kurz nach 07:00 Uhr. Wie gewohnt trotte ich zum DB-Haltepunkt Eichenweiler in froher Erwartung der nahenden S-Bahn, die mich warm und trocken zu meiner Arbeitsstätte nach Schönebeck befördern sollte. Schon da fällt auf, dass einige aufgeregte Personen den Bahnsteig bevölkern. Man kommt in`s Gespräch und erfährt, dass schon seit einer Stunde zwischen Eichenweiler und Magdeburg Hauptbahnhof nichts mehr geht, die Ursache dafür bleibt noch im Dunkeln.

Nach einigem Warten bei Temperaturen um die -10 C entschließe ich mich, auf die Straßenbahn auszuweichen, um mit dieser zum Hauptbahnhof zu gelangen. Das klappt auch reibungslos.

Dort angekommen bietet sich mir ein chaotisches Bild.

Hunderte von ratlosen Bahnreisenden stehen in der Bahnhofshalle, starren ungläubig auf eine die Realitäten des Zugverkehrs nicht mehr abbildende Fahrplan-Anzeigetafel oder reihen sich zu Dutzenden in eine mehrschichtige Warteschlange vor dem Informationsschalter der DB ein, hinter dem genauso ratlos wirkende Bahnbeschäftigte versuchen, wenigstens den Anschein von Informiertheit zu vermitteln.

Jetzt heißt die Devise: Hören auf die Lautsprecher-Ansagen (welcher Zug hält auf welchem Bahnsteig) und Aufspringen auf den Zug, der gerade wo und wann auch immer in Richtung Schönebeck fährt

Im Laufe des Tages klärt sich auch die Ursache für das Chaos: Offenbar haben selbsternannte „Retter der Menschheit“ zwecks Verzögerung des Castor-Transportes in einem Akt selbstherrlichen Aktionismus` bei Nacht und Nebel die Signalanlagen der DB durch Zerstören der Signalleitungen im Bereich des Bahnhofs Magdeburg-Neustadt lahmgelegt, so dass nun jeder diesen Bahnhof anfahrende oder verlassende Zug gezwungen ist, in einem extrem zeitaufwändigen Verfahren die Freigabe zur Weiterfahrt zu erhalten. Das bringt natürlich sämtliche Zeitpläne durcheinander.

Um dem geneigten Leser weitere Einzelheiten zu ersparen, sei hier nur angemerkt, dass sich oben geschilderte Situation in den nächsten Tagen nicht entspannte und selbiges Chaos noch einige Tage andauert, da die Reparatur dieses Schadens gerade bei diesen Witterungsbedingungen sehr schwierig ist.

Fazit dieser Reise für mich:
  • Ankunft in Schönebeck 1,5 h später als geplant
  • Termin verpasst
  • jede Menge Aufregung

Fazit für alle Betroffenen:
  • erhebliche Verzögerungen für Berufspendler und „Gelegenheitsreisende“
  • verstopfte Straßen durch die „Umsteiger“

Man mag zu den mit diesen Maßnahmen verfolgten Zielen stehen wie man will, aber es ist nicht hinzunehmen, dass mit kriminellen Methoden für tausende von Bürgern auch überregional über Tage hinweg Beeinträchtigungen produziert werden, die bestimmt nicht dazu führen, dass der gerade von Umwelt-Apologeten viel beschworene, auch in meinen Augen begrüßenswerte,Umstieg vom Pkw auf die Schiene weiteren Auftrieb erhält.

Nur am Rande sei an dieser Stelle noch der wirtschaftliche Schaden durch
  • verpasste Termine,
  • Ausfall von Arbeitszeit,
  • Zeitverschwendung durch unnützes Warten auf zugigen Bahnsteigen,
  • die dadurch ggf. erzeugten gesundheitlichen Ausfälle
  • Mehrkosten für den Umstieg auf den Pkw
  • Reparaturkosten der Signalanlage und
  • Zusatzeinsatz/Überstunden von Bahnmitarbeitern
erwähnt.

Und man täusche sich nicht: Jenseits der von jedem einzelnen Betroffenen zu tragenden individuellen Mehraufwendungen werden die der DB entstandenen Zusatzkosten in die nächste Preiserhöhungsrunde für die Tickets mit einfließen, was Bahnreisen nicht eben günstiger und damit noch weniger attraktiv macht.

Generell ist es nicht zu tolerieren, dass für die Durchsetzung irgendeiner Ideologie von wenigen durch den Einsatz krimineller Methoden die Freiheit aller beschränkt wird. Der Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel. Denn sonst landen wir am Ende alle in totalitären Verhältnissen, deren Formen und Folgen gerade uns Deutschen hinlänglich bekannt sein sollten und die sich niemand wünscht.

Friedrich Hülsenbeck

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